Sinnlose Liveticker und Journalisten als Richter: Medienkritik am Beispiel #Rupperswil

Der Strafprozess zum Vierfachmord von Rupperswil war ein mediales Spektakel. Über 60 Journalistinnen und Journalisten haben vor Ort berichtet, noch viel mehr hatten sich schon im Vorfeld damit befasst oder publizierten weitere Inhalte zum Thema.

Dieser Prozess zeigt auch exemplarisch, woran der Journalismus aus meiner Sicht aktuell krankt. Unnötige Trends, handwerkliche Sünden, strukturelle Probleme: Eine ganz persönliche Medienkritik.

Journalisten belagern den Ein- und Ausgang zum Gerichtssaal in Schafisheim.
(c) Maurice Velati

Ich komme erst jetzt dazu, meine bereits seit Tagen kreisenden Gedanken zu diesem Thema niederzuschreiben, denn ich hatte in dieser Woche ziemlich viel zu tun (siehe unten). Ich habe inzwischen mit Beruhigung festgestellt, dass ich nicht der einzige bin, der sich Gedanken macht zur medialen Aufarbeitung des Prozesses von Rupperswil. Deshalb verweise ich explizit auf die meines Erachtens wertvollen Texte von Peer Teuwsen und Christine Brand in der «NZZ am Sonntag».


Warnhinweis: Die Lektüre des folgendes Textes benötigt in etwa 10 Minuten. Wenn Sie langsam lesen, vielleicht sogar noch mehr. Ich hatte leider keine Zeit, einen kürzeren Text zu schreiben (dieses Zitat ist geklaut, ich weiss aber nicht mehr genau von wem und verzichte aus Zeitgründen auf die Recherche der Quelle). Und jetzt lesen Sie bitte, danke!


Vorwort

Es ist richtig und wichtig, dass Strafprozesse zu so verstörenden Verbrechen von den Medien begleitet werden. Es ist generell richtig und wichtig, dass die Justiz und die Rechtsprechung von den Medien begleitet wird, auch kritisch. Die Öffentlichkeit hat Anspruch auf Transparenz. Die Öffentlichkeit hat - angesichts der Fassungslosigkeit in diesem Fall - auch Anspruch auf die Möglichkeit einer «kollektiven Verarbeitung» (Christine Brand).

 

An diesen Grundsätzen zweifle ich nicht. Und es ist auch richtig, dass verschiedene Medien diesen «Jahrhundertprozess» (Einordnung des Begriffes folgt weiter unten) unterschiedlich stark gewichten und deshhalb die Ausführlichkeit ihrer Berichterstattung variiert. Ich frage hier nicht, ob man berichten muss. Auch nicht, wie viel berichet werden muss. Ich frage mich nur, was berichtet werden soll und wie.

 

Meine ganz persönliche Medienkritik richtet sich gegen einzelne Formate, gegen einzelne Fehler aus meiner Sicht, beleuchtet einzelne strukturelle Probleme. Sie ist deshalb in entsprechende Kapitel unterteilt.

Stichwort: Newsticker

Meine gängige Definition von Journalismus lautet: Journalist/innen finden Fakten (Recherche) und ordnen sie (Produktion von Artikeln, Beiträgen). Ein Newsticker erfüllt diese Definition nicht.

 

Die Mitschrift einer (medien-)öffentlichen Veranstaltung ist keine journalistische Arbeit, sondern die Arbeit eines Protokollführers. Natürlich gibt es und gab es auch im Fall Rupperswil meines Erachtens grosse inhaltliche Unterschiede bei den verschiedenen angebotenen News- oder Livetickern. Die einen boten immerhin eine immer wieder aktualisierte Zusammenfassung der vorangegangenen Episoden im Strafprozess und so eine minimale Übersicht. Andere aber beschränkten sich tatsächlich auf die fortlaufende Protokollierung mehr oder weniger wichtiger Inhalte.

 

Wer braucht eigentlich so einen Liveticker, der jede Einzelheit eines über zwei (lange) Tage andauernden Prozesses im Minutentakt wiedergibt? Streng genommen sind es wohl nur die Leute, welche sich für die Einzelheiten des Prozessablaufs interessieren, aber als Zuschauer/innen vor Ort nicht zugelassen wurden. Das wären im Fall Rupperswil rund 240 Personen (270 haben sich laut Aargauer Justiz angemeldet, gut 30 wurden neben den Journalisten zugelassen).

 

Die Klickzahlen werden meine provokative und unhaltbare These natürlich widerlegen. Eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis zeigt denn auch, dass einige «immer mal wieder kurz» einen Blick auf die Liveticker der diversen Onlineportale geworfen haben.

Symbolbild Newsticker
Wir lesen nicht mehr eine Zusammenfassung auf Papier am Tag danach, sondern werden im Sekundentakt «geupdatet». (c) Fotolia / blende11.photo

Die gleiche Umfrage zeigt aber auch: Die Liveticker sind als Informationsquelle für Konsumenten bei einem Ereignis mit dieser langen zeitlichen Ausdehnung eigentlich unbrauchbar. Auf die Frage, ob sie sich denn informiert gefühlt hätten nach der partiellen Lektüre eines Newstickers, lautete die Antwort «Nein». Verstanden, worum es geht und was gerade läuft? «Nicht wirklich, mehr so einen kurzen Eindruck erhalten.»

 

Ein banales Problem zur Illustration: Der Leser oder die Userin beginnt mit der Lektüre in der Regel oben, arbeitet sich dann also in umgekehrter Reihenfolge durch die protokollierten Ereignisse zurück. Damit fehlt für das Verständnis der gerade gelesenen Ereignisse oder Zitate eigentlich immer das Wissen um das Vorangegangene.

 

Man könnte auch sagen: Liveticker sind die schwersten Prüfungen für das Leseverständnis. Warum tun Journalistinnen und Journalisten ihren Kundinnen und Kunden so etwas an? Warum fassen sie nicht die wichtigsten Ereignisse der letzten Minuten oder Stunden in einfachen, gut lesbaren Texten zusammen und bieten den Leserinnen und Lesern so das, was sie eigentlich erwarten? Nämlich Fakten, aber geordnet.

Stichwort: «Kanonenfutter»

Es folgt nun eine etwas böse These. Ich schreibe diese Warnung auch im Wissen darum, dass ich mich als Mitarbeiter meiner Firma im Moment davor hüten sollte, arrogant zu wirken. Das will ich nicht. Ich verweise deshalb explizit darauf, dass auch andere Journalistinnen und Journalisten vor Ort ähnliche Gedanken geäussert haben. Und ich weise explizit darauf hin, dass ich die folgenden Zeilen nicht als Kritik an einzelnen Personen verstanden haben will, sondern als Kritik an einem Systemfehler, der meines Erachtens in der gesamten Medienbranche immer wieder auftaucht. Und nun zum Thema:

 

Natürlich haben einige Redaktionen für die Berichterstattung zu diesem Prozess ihre bekanntesten Namen oder ihre erfahrensten Autorinnen und Autoren entsandt. In der Regel sind diese aber nicht für die «Laufberichterstattung» zuständig, sondern für die eher analytischen Hintergrundstücke. Die laufend aktualisierten «Matchberichte» (so heisst das im Jargon der Online-Journalist/innen) oder Liveticker aber werden von jüngeren Kolleginnen und Kollegen verfasst. 

 

Und einige davon haben sich in mitgehörten Gesprächen als relativ unerfahren in der Gerichtsberichterstattung oder zumindest in den lokalen Gegebenheiten «geoutet». Zum Beispiel, wenn sie sich lauthals darüber wundern, dass in einem mehrköpfigen Bezirksgerichtsgremium auch Laien sitzen, dass das Urteil also nicht von fünf Juristinnen und Juristen gesprochen wird.

 

Ich finde es persönlich heikel, wenn ausgerechnet die schnellsten Formate von den unerfahrensten, jüngsten Kolleginnen und Kollegen «abgefüllt» werden müssen. Sie schreiben quantitativ mit Abstand am meisten, erreichen vielleicht sogar über den ganzen Tag verteilt auch am meisten Publikum. Ein Twitter-User hat dafür einen wenig schmeichelhaften Hashtag entwickelt, den ich an dieser Stelle als Gedankenanstoss publiziere.

Zur Einordnung meiner obigen Gedanken: Ich selber werde im Sommer 38 Jahre alt und blicke immer noch (meistens) mit Ehrfurcht auf die älteren und erfahreneren Kolleginnen und Kollegen, denen schon nur durch ihren längeren Beobachtungszeitraum eine oftmals viel treffendere Einordnung der Fakten gelingt. So waren es zum Beispiel natürlich ältere Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die zu Recht den Begriff «Jahrhundertprozess» oder «Jahrhundertverbrechen» relativierten, indem sie auf andere «grosse» Kriminalfälle in den vergangenen Jahrzehnten hinweisen konnten.

 

Und noch eine Bemerkung: Ich selber habe als Leiter der Regionalredaktion aus den oben genannten Überlegungen die Arbeit als Online-Journalist übernommen und war am Prozess für die laufenden News-Updates zuständig. Vielleicht sollten sich erfahrenere Kolleginnen und Kollegen auch nicht zu schade sein für diese Aufgaben?

Stichwort: Trennung von Fakten und Meinung

«Wenn ein Journalist seine persönliche Meinung äussert, dann wird das klar gekennzeichnet». So habe ich das im Medienkunde-Unterricht gelernt und später als Hilfslehrer in diesem Fach vermittelt. Ein «normaler» Artikel bietet Fakten und ordnet diese ein, nur in einem «Kommentar» wird die persönliche Meinung der Journalistinnen und Journalisten oder der Redaktion publiziert.

 

Das Plädoyer der Verteidigung im Strafprozess zum Vierfachmord war über gewisse Strecken auch für mein Empfinden schwer auszuhalten. Die Verteidigerin hat ihre Aufgabe ernst genommen und versucht, die wenigen für ihren Mandanten sprechenden Argumente möglichst eindringlich zu präsentieren.

 

Dabei waren in ihrem Plädoyer - wie es zum Beispiel die Gerichtsberichterstatterin der Schweizerischen Depeschenagentur formulierte - «einige Passagen vorgekommen, in denen der Eindruck hätte entstehen können, die Opfer hätten mit ihrem Verhalten zur Entwicklung der Tat beigetragen.» Der Gerichtspräsident hat diese Stellen im Plädoyer bei seiner Urteilsverkündung später als «bizarr» bezeichnet.

Die Meinung, dass die Verteidigerin an gewissen Stellen gewisse ethische Grenzen überschritten hatte, die darf man also offensichtlich haben. Die Frage ist, ob man dann einen nicht als Kommentar ausgewiesenen Artikel schreiben darf mit dem Titel «Killer-Anwältin verhöhnt die Opfer».

 

Meine - und offensichtlich bin ich damit nicht ganz alleine - Meinung ist, dass mit einem solchen Titel und einem solchen Artikel zumindest auch eine (medien-)ethische Grenze überschritten wird. Vor allem, weil der Artikel als Berichterstattung «getarnt» ist.

Stichwort: Strafmindernde Journalisten

«Als wäre das nicht genug», so heisst es in diesem Artikel später, habe die Verteidigung den Angeklagten auch noch zum Opfer gemacht und die «mediale Hetzjagd» im Vorfeld angeprangert. Tatsächlich war die Medienberichterstattung nach der Verhaftung - einmal mehr - ein grosses Thema im Plädoyer einer Verteidigung. In diesem Fall sahen die Richter die strafmindernden Umstände im Gegensatz zur Schwere des Verbrechens als «nicht relevant» an. Man muss fast sagen: Glück gehabt, lieber Boulevard-Journalismus.

 

Denn immer wieder wird die mediale Vorverurteilung von mutmasslichen Straftätern tatsächlich als strafmindernder Umstand von Gerichten anerkannt. Im letzten Sommer hatte das Bezirksgericht Brugg einem Sexualstraftäter die Strafe gekürzt, weil er im Vorfeld mit Bild und klar identifizierbar (Initialen und Wohnort) durch eine Zeitung vorverurteilt worden sei. Zudem hatte das Verfahren gezeigt, dass es die gleiche Zeitung auch mit den Fakten zum Fall nicht sonderlich streng genommen hatte (ich habe damals ebenfalls vom Prozess berichtet und kenne die Artikel zum Thema als auch die Anklageschrift).

 

Natürlich müssen und sollen Journalistinnen und Journalisten die Arbeit der Justiz - und damit meine ich auch die Ermittlungsbehörden Polizei und Staatsanwaltschaft - kritisch begleiten. Aber wenn Medienvertreter die Arbeit dieser Behörden behindern (was gemäss mir bekannten Polizisten immer wieder passiert, zum Beispiel durch die Kolportierung von falschen Aussagen, welche dann von den Ermittlern mühsam widerlegt werden müssen) oder wenn die Medien durch ihre Berichterstattung den Verlauf eines Strafprozesses aktiv beeinflussen, dann werden meiner Ansicht nach die Grenzen der Gewaltentrennung überschritten.

 

Wir Journalisten sollten der Justiz auf die Finger schauen, aber doch nicht deren Arbeit erledigen? Fast schon amüsant erscheint es in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet jene Publikation, welche immer wieder ein besonders hartes Durchgreifen von Sicherheitsbehörden und Justiz fordert, durch das Verhalten ihrer Journalisten zu strafmindernden Umständen beiträgt, welche die Strafurteile dann abschwächen und damit den Straftätern zugute kommen...

Stichwort: «Wir brauchen ein Bild»

Dass die Öffentlichkeit Namen und Gesichter von Tätern und Opfern kennen muss, um sich über eine verbrecherische Tat umfassend informieren zu können, diese Kausalität hat sich mir noch nie erschlossen. Natürlich braucht es Bilder, wenn die Polizei zum Beispiel nach einem mutmasslichen Straftäter fahndet. Und natürlich muss man allenfalls auch mal etwas eindeutigere Identifikationsmerkmale eines Täters kommunizieren, um andere - unschuldige - potentiell Verdächtige zu schützen (z.B. wenn ein Lehrer in einem Dorf eines Verbrechens beschuldigt wird, dann muss man dafür sorgen, dass die anderen Lehrer nicht unter Generalverdacht kommen). In allen anderen Fällen aber frage ich mich: Was bringt das Bild?

 

Für mich wirkt es deshalb schon beinahe grotesk, wenn Kamerateams und Fotografen stundenlang in der Kälte auf der Lauer liegen in der Hoffnung, dass sie einige Sekunden Bildmaterial des Täters erhaschen können. Grotesk, wenn als «Ersatzhandlung» ein weisser Kastenwagen gefilmt wird, der in einer Garage verschwindet - und dieses Video dann mit «Exklusiv: Hier kommt der Täter von Rupperswil» in sozialen Medien angekündigt wird.

Symbolbild TV-Kameramann
Gerade die TV-Kollegen brauchen natürlich Bilder. Aber kann man sich in solchen Fällen nicht (wie hier exemplarisch) mit Symbolbildern begnügen? (c) Fotolia, chaoss

Natürlich: Ich arbeite in erster Linie für einen Radiosender und als Onlinejournalist. Damit sind (bewegte) Bilder für mich (noch) nicht so zentral wie für die Kolleginnen und Kollegen beim Fernsehen. Und trotzdem: Wer sich nur ansatzweise für Persönlichkeitsrechte interessiert und für Pietät, wer sich nur ansatzweise über die psychische Belastung der Angehörigen der Opfer Gedanken macht, der verzichtet im Interesse aller Beteiligten auf die Publikation von Bildern und Namen von Angehörigen und Opfern.

 

Natürlich gibt es - gerade nach dieser schrecklichen Tat in Rupperswil - Menschen, die sich fragen: «Warum zeigt Ihr eigentlichen diesen Verbrecher nicht?» Darauf gibt es drei Antworten:

  • Erstens soll ein Verbrecher nicht noch mehr in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung gerückt werden als sowieso schon... einige Verbrecher suchen ja gerade diese Aufmerksamkeit, wir Medienschaffende sollten ihnen diesen Wunsch nicht bereitwillig erfüllen.
  • Zweitens ist die Zeit des Mittelalters und des Prangers vorbei. Es ist nicht die Aufgabe der Medien, einen Straftäter und seine ganze Familie durch die Publikation seines Bildes und Namens zusätzlich zu bestrafen und damit dem «Volkszorn» Rechnung zu tragen. Es ist in einer aufgeklärten Gesellschaft die Aufgabe der Justiz, für eine Strafe zu sorgen.
  • Und drittens: Es bringt nix. Kein Verbrechen wird durch Publikation von Namen und Bild des Täters für die Öffentlichkeit verständlicher. Wenn schon - und das ist bei diesem Prozess ja passiert - sollen Journalistinnen und Journalisten ihren Eindruck als Beobachter schildern und damit ein (oft viel präzieres) Bild dieser Person zeichnen, als es irgendeine Fotografie oder Filmaufnahme kann.

Übrigens wurde meines Erachtens in diesem Prozess dem Publikum sehr wohl einen «Blick in den Gerichtssaal» ermöglicht. Nicht weniger als sieben Zeichnerinnen und Zeichner waren akkreditiert und haben im Auftrag verschiedener Medien die wesentlichen Szenen und die agierenden Persönlichkeiten auf durchaus kunstvolle Art und Weise dargestellt. Ich war persönlich vom Tempo der Erstellung und der Qualität dieser Gerichtszeichnungen ziemlich beeindruckt.

Stichwort: «Wir brauchen ein Quote»

Ebenfalls beeindruckend ist es, wie viele Exponentinnen und Exponenten im Rahmen der Prozessberichterstattung zu Rupperswil in den verschiedenen Medien zu Wort gekommen sind. Expertinnen und Experten, Prozessbeobachterinnen, Strafrechtler, Polizisten, Psychologen, ja sogar Angehörige und natürlich die direkt Beteiligten wie Staatanwältin, Verteidigerin, Opferanwälte.

 

Der Bedarf an «Auskunftspersonen» war spürbar gross, was natürlich mit der unglaublichen Breite der Berichterstattung, mit der ausgedehnt geplanten Sendezeit zu diesem Thema in Zusammenhang steht. Reporterinnen und Reporter lagen im und um das provisorische Gerichtsgebäue herum richtiggehend auf der Lauer, um potentielle Auskunftspersonen ausfindig zu machen und zu Interviews zu bewegen. Was dann unter anderem auch dazu führte, dass der betroffene Gemeindepräsident in einem TV-Interview (wenn auch nicht direkt so formuliert) die Todesstrafe für den Täter verlangte.

 

Vielleicht - so eine wiederum etwas gewagte und provokative These - wären weniger Auskunftspersonen notwendig, würden sich gut ausgebildete und gut informierte Journalistinnen und Journalisten um solche Prozesse kümmern. Sie könnten oft genau so erhellende Inhalte bieten wie die in einigen Fällen nur vermeintlich mit spezifischem Fachwissen ausgestatteten Interviewpartner... welche sich bezüglich des konkreten Falles dann eben doch nur auf Vermutungen oder Analogien stützen können, weil ihnen ja auch kein Einblick in die Fallakten möglich ist.

 

Noch fragwürdiger erscheinen mir die unzähligen Auftritte von tatsächlich oder vermeintlich näher betroffenen Personen aus dem Dorf Rupperswil, welche vor allem ihre (nicht wirklich überraschende) Wut und Fassungslosigkeit zum Ausdruck brachten. Ich frage mich schon, ob wir als Journalistinnen und Journalisten nicht auch das Recht auf Ruhe, das Recht auf ein «Abschliessen» mit dieser schrecklichen Tat etwas stärker respektieren sollten. Oder ob wir - bei einem so emotionalen Thema - nicht sogar die Pflicht haben, gewisse Exponenten (wie einen zu Recht sehr aufgewühlten Gemeindepräsidenten) «vor sich selber zu schützen».

Stichwort: Selbstkritik

Nun erscheint eine - zumal so lange - Abrechnung mit allen Makeln des Journalismus vielleicht etwas gar besserwisserisch. Dessen bin ich mir bewusst. Und ich weiss auch, dass es heikel ist, gerade weil meinem Medium gegenüber der Wunsch nach etwas mehr Bescheidenheit in den letzten Monaten immer wieder geäussert worden ist. Deshalb stelle ich hier noch einmal klar: Diese Ausführungen sind meine ganz persönliche Meinung. Und ich stelle auch klar: Auch meine Person und meine Arbeit sind von dieser Medienkritik nicht ausgenommen.

 

Ich habe selber von Montag bis Freitag über den Prozess zum Fall Rupperswil berichtet, für mehrere Sendegefässe von Radio SRF und das Onlineportal srf.ch. Ich habe den Prozess selber im provisorischen Gerichtssaal in Schafisheim mitverfolgt. Und ich habe in dieser Zeit auch immer wieder meine eigene Arbeit hinterfragt und mich über mich selber geärgert.

Screenshot Analyse zum Urteil im Vierfachmord Rupperswil von srf.ch
Diese erste Analyse zum Urteil wurde bereits am Mittag im Radio publiziert, kurze Zeit später auch online. Tempo, Tempo...

Geärgert über Fehler, unpräzise Formulierungen, die nicht hätten passieren sollen, aber im viel zu hohen Takt der Produktion eben doch passiert sind. Geärgert darüber, dass ich mir im Vorfeld dieses Prozesses nicht noch mehr Zeit für Recherche genommen habe, um Einzelheiten des Tathergangs und Finessen im Strafrecht noch präziser im Kopf zu haben. Geärgert darüber, dass ich als Redaktionsleiter nicht noch mehr Ressourcen für die Berichterstattung zu diesem Prozess und die Vorbereitung dafür eingesetzt habe, andere Pendenzen nicht  zurückgestellt habe.

 

Ja, auch ich hätte einige Fragen schon vor diesem Prozess klären können in Gesprächen mit Fachleuten. Fragen, die während der Prozessberichterstattung im Kontakt mit den verschiedenen SRF-Redaktionen zu Diskussionen Anlass gegeben haben, zu neuen Weisungen der publizistisch Verantwortlichen führten.

 

Ein Beispiel: Den genauen Wortlaut der Verwahrungsinitiative (Bundesverfassung), des dazugehörigen Gesetztestextes (Paragraph 61bis StGB) und der entsprechenden Urteile des Bundesgerichts waren mir zu wenig präsent. Das führte dazu, dass eine schriftliche Eingabe eines Online-Users zu einer temporären Verunsicherung darüber führte, ob jetzt das Gesetz oder das Bundesgericht zwei unabhängige Gutachten mit der Diagnose einer «dauerhaften Untherapierbarkeit» verlangen für eine lebenslängliche Verwahrung.

 

Erst nach einem klärenden Email-Verkehr und einer zweifachen Korrektur meiner Online-Texte waren alle Beteiligten sicher, dass unsere publizierten Artikel nun zweifelsfrei in allen Einzelheiten stimmig sind (sie waren übrigens von Anfang an richtig, höchstens zu wenig präzis. Der Online-User hatte nicht Recht, aber wir liessen uns durch mangelndes Wissen unsererseits verunsichern).

 

Diesen Stress vor Ort hätte ich mir mit einer präziseren Vorbereitung sparen können. Aber auch in meinem Unternehmen stehen Produktionsdruck und knappe Ressourcen den publizistischen Ansprüchen gegenüber - ist ein tägliches Austarieren, ein andauernder Diskurs über unsere Möglichkeiten und Grenzen notwendig.

 

Auch deshalb befasse ich mich in meiner Freizeit mit diesen Fragen und versuche, mit diesem viel zu langen Text meine kreisenden Gedanken zu den aktuellen Schwächen des Journalismus in eine Struktur zu giessen. Versuche mir damit noch einmal bewusster zu werden, welche Werte ich als Journalist pflegen will. Und definiere damit schliesslich auch ein Stück weit öffentlich, an welchen Werten meine eigene Arbeit gemessen werden soll.

Ein dankbares Lob zum Schluss

Sieben Thesen, sieben Stichworte, sieben persönlich als Fehler oder Schwächen empfundene Merkmale des Journalismus am Beispiel Rupperswil. Man könnte nach der Lektüre dieses Artikels wohl den Eindruck erhalten, ich hätte die Berichterstattung zu diesem Prozess als durchgehend missglückt und von journalistischen Fehlleistungen geprägt empfunden. Das stimmt so nicht.

 

Im Gegenteil. Meine grösste Befürchtung im Zusammenhang mit der Berichterstattung zu diesem grausamen Verbrechen und seiner juristischen Aufarbeitung ist nämlich nicht eingetreten. Ausnahmslos alle Journalistinnen und Journalisten, ausnahmslos alle von mir konsumierten Medientitel haben sich in der Schilderung von grausamen Details dieser grausamen Tat - meines Erachtens und so weit ich es beurteilen kann - vorbildlich zurückgehalten.

 

Eine Anklageschrift muss detailliert über die «Sachverhalte» zum Tatablauf Auskunft geben. In einer trockenen Sprache werden grausame Einzelheiten akribisch festgehalten. Ich habe die Lektüre - als unbeteiligter Beobachter notabene - als sehr belastend empfunden. Unvorstellbar, was den Angehörigen der Opfer im Wissen um diese Einzelheiten für ein Leid angetan wurde.

Symbolbild Journalist am Schreiben
Journalisten wissen mehr als die Öffentlichkeit. Und nicht immer müssen sie ihr ganzes Wissen teilen. (c) Fotolia, olly

Es ist richtig, dass die Aargauer Behörden die akkreditierten Medienschaffenden um Zurückhaltung gebeten haben in der Schilderung solcher Einzelheiten, aus Rücksicht auf die Angehörigen, aber auch aus Pietätsgründen gegenüber den Verstorbenen. Es ist lobenswert, dass wir Journalistinnen und Journalisten uns auch daran gehalten haben.

 

Ich glaube, dass Leserinnen und User, Hörerinnen und Zuschauer diese Zurückhaltung geschätzt haben. Weil sie sich auch so schon mit einer unfassbaren Tat auseinandersetzen mussten. Weil man sich nur zu gut vorstellen kann, welcher Horror sich hinter juristischen Begriffen wie «sexueller Missbrauch» und «Geiselnahme» verbirgt. Voyeuristische Gewaltberichterstattung ist gar nicht notwendig.

 

Ich hoffe, dass sich die Sensationslust der Medien auch bei künftigen Gewaltverbrechen in Grenzen hält. Vielleicht sogar ohne eine explizite Aufforderung durch die Behörden. Denn leider wird es grausame oder unverständliche Verbrechen auch in Zukunft wieder geben. Es werden neue Prozesse stattfinden, es werden wieder Dutzende von Journalistinnen und Journalisten darüber berichten. Vielleicht bin auch ich wieder einer davon.

Meine Wunschliste

Wenn ich wünschen dürfte, dann berichten wir in Zukunft ohne Liveticker, dafür mit präzisen und verständlichen Zusammenfassungen. Wir können das, weil wir uns seriös auf den Prozess vorbereitet haben, uns mit juristischen Spitzfindigkeiten und prozessualen Abläufen auskennen.

 

Wir trennen Fakten und Meinungen, wir verzichten auf unnötige Vorverurteilungen, nennen keine Namen und zeigen keine Bilder von Opfern und Tätern, wir geben den Juristen keinen Anlass für strafmindernde Umstände wegen unserer Berichterstattung. Wir haben den Mut und die Kompetenz, unsere eigene Analyse in den Vordergrund zu stellen und können so auf Gespräche mit vermeintlichen Experten verzichten, die zum konkreten Fall doch nichts sagen können.

 

Wir lassen die Angehörigen der Opfer in ihrer Trauer in Ruhe und belästigen das Umfeld nicht mit unzähligen Besuchen im Dorf oder Quartier. Und wir achten wieder die Menschenwürde der Opfer. Ich wünsche mir, dass ich alle diese hohen Ansprüche auch selber erfüllen kann.

 

Vor allem aber wünsche ich unserer Gesellschaft, dass Produktionsdruck und Ressourcen es auch in Zukunft noch zulassen, mit gutem Jornalismus für eine transparente Justiz und eine «kollektive Aufarbeitung» eines solchen Verbrechens sorgen zu können.


Disclaimer

  • Ich bin Redaktionsleiter der SRF-Regionalredaktion Aargau Solothurn (siehe Biografie)
  • Dieser Artikel ist meine ganz persönliche Ansicht. Er wurde aus persönlichem Antrieb und ohne Absprache mit Unternehmen oder Verein SRG verfasst und publiziert. 
  • Selbstverständlich wurde dieser Text (und auch alle anderen Texte in diesem Blog) nicht während der Arbeitszeit, sondern in der Freizeit bzw. in den Ferien geschrieben. Diese Gedanken kosten die Gebührenzahlenden also nichts.

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Und ich bitte ebenso um Verständnis, dass ich alles löschen werde, was den üblichen Richtlinien des guten Geschmacks und einer aufgeklärten Gesellschaft widerspricht.


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Kommentare: 9
  • #1

    Goggi (Sonntag, 18 März 2018 17:13)

    Alles richtig. Ich finde, das fehlt noch: Das Verhältnis zwischen der Erwartung der Gesellschaft und der Leitungsfähigkeit der Medien ist in Schräglage geraten. Das haben sich "die Medien" (ich hasse die Pauschalisierung) weitgehend selber eingebrockt. Die "schnellen Medien" haben den Konsumenten daran gewöhnt, dass er Informationen sofort bekommt. Im Minutentakt werden wir mit News überflutet. Fülle und Geschwindigkeit passen einfach nicht mehr in das Zeitfenster, das sich der Konsument dafür offen hält. Folglich wird selektioniert oder der Zufall entscheidet, wann man gerade in den News-Strom eintauchen will - naturgemäss gewinnt "kurz und knackig" gegenüber "tiefgründig und genau".

    Nimmt man die witschaftliche Komponente dazu, treten romantische Ansichten wie Journalismus zu sein hätte noch weiter in den Hintergrund. Auch Medienunternehmen müssen zuerst einmal Geld verdienen. Punkt. Ich ziehe an dieser Stelle gerne das Beispiel eines Spitals heran. Glaubt wirklich noch jemand, da arbeiten lauter Mutter Teresas und der Betrieb lässt sich durch Menschenliebe finanzieren? Die wollen in erster Linie Geld, nicht Leben retten.

    Zum Abschluss würde ein heilsbringender Lösungsansatz passen, mir fällt aber keiner ein. Die Spirale scheint mir nicht aufhaltbar zu sein, es muss in Zukunft noch schneller gehen, noch wirtschaftlicher - und damit leider auch ungenauer.

  • #2

    Urs Müller (Sonntag, 18 März 2018 20:59)

    Danke für diesen wohltuend ruhigen, ausgewogenen Artikel.
    Ich bin relativ früh im Hause TaMedia über den Artikel «Anklageschrift: Thomas N. log und log und log» vom 13. März 2018 von Simone Rau gestolpert und war fassungslos über die Details die da geschildert wurden. Ich denke nicht, dass so eine «Anleitung zu Mord» mich als Leser weiterbringt und hatte danach einen mittleren Waschzwang.
    Immerhin waren die Kommentarfunktionen ausgeschaltet, sonst wäre es wohl nicht auszuhalten gewesen. Ich staune immer ab der baren Raserei, welche solche Taten bei gewissen Online-Usern auslöst und die dann ihre Abscheu und ihre Wut an Richtern und Richterinnen oder eben Staatsanwältinnen auslassen.
    Mehr Vertrauen in die Justiz und die Fähigkeit, Tat/Täter von den Opfern separat zu betrachten, würde ich mir bei mehr Leuten wünschen.
    Schön, dass es Ihnen erlaubt ist, solche Beiträge in Ihrer Freizeit zu verfassen und mit uns zu teilen!

  • #3

    Thomas Schiesser (Sonntag, 18 März 2018 21:30)

    Vielen Dank Maurice, für diesen sehr reflektierten Beitrag!
    Ich kenne Dich ja nicht anders, und trotzdem möchte ich Dir höchsten Respekt aussprechen, dass Du den Mut hast einen solchen Beitrag, sachlich und fachlich aufgearbeitet zu verfassen.

    Genau solche Gedanken im Nachhinein eines schrecklichen Falles, helfen bei einer nächsten Tat, die hoffentlich nicht eintritt, entsprechend zu reagieren. Denn der Zeitrdruck wird dann die Möglichkeit des ruhigen Nachdenken nicht geben, und mit Deinem Beitrag hast Du gezeigt, dass es Dir wichtig ist.

    Danke und weiter so, denn die Masse weist oft den Weg, welcher aber nicht immer der richtige sein muss!

  • #4

    Beni Fankhauser (Montag, 19 März 2018 00:47)

    Danke, Maurice, für diesen Beitrag!
    „Liveticker aus dem Gerichtssaal“ zum Rückwärtslesen!!! Oder „Der Rupperswil-Talk“ mit der sinnlosen Abfragerei-Überdosis von offensichtlichen Befindlichkeiten. Habe einfach Bedenken, ob es (vor allem auch in Zukunft) noch genug von deiner Sorte gibt.

  • #5

    Dave (Montag, 19 März 2018 12:44)

    Wo kann ich "der RupperswilTalk" nachlesen?

  • #6

    Eduard Daetwyler (Montag, 19 März 2018 16:06)

    Danke für diese Einschätzungen, sie waren nötig. Schade nur, dass diejenigen, die sie sich zu Herzen nehmen sollten, nicht viel mit langen Texten und anspruchsvollen Inhalten am Hut haben - immer wieder zu beobachten in den Sozialen Medien und den entsprechenden Kommentarspalten. Aber ich will Ihnen den Mut nicht nehmen, Herr Velati. Machen Sie weiter so und bleiben Sie dran. Vielen Dank.

  • #7

    Maurice Velati (Montag, 19 März 2018 16:56)

    Liebe Leserinnen und Leser
    vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen, das freut mich sehr. Auf Twitter und Facebook habe ich auch div. Debatten geführt. Journalismus lebt von Debatten, Journalismus kann sich nur durch Debatten entwickeln. Insofern: Ziel erreicht. Vielen Dank für das Interesse!

  • #8

    Mike Sgier (Dienstag, 20 März 2018 14:51)

    Lieber Maurice
    Danke. Das sind kluge Worte. Geh bitte weiter diesen Weg. Es braucht genau solche Journalisten wie dich. Das sind die Werte, die den Journalismus gross und wertvoll machen.
    Liebe Grüsse
    Mike

  • #9

    Lorenz Fluck (Donnerstag, 19 Juli 2018 22:01)

    Chapeau, Maurice!