Gute Journalisten sind besser als Algorithmen

Hände halten zwei Puzzle-Teile in die Sonne: Journalismus setzt einzelne Puzzle-Stücke von Informationen zu einem Gesamtbild zusammen
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Die persönliche Facebook- und Twitter-Timeline, der Screen im Bus, die Push-Meldung auf dem Smartphone, der RSS-Feed der Lieblingswebsite, der Blog des Kollegen, das Gespräch mit der Kollegin, die Diskussion am Stammtisch: Wir werden mit Informationen «bombardiert».

Kein Wunder, dass viele Menschen glauben, sie bräuchten keinen - kostenpflichtigen - Journalismus mehr. Aber guter Journalismus kann mehr als Algorithmen.

Politisch und gesellschaftlich interessierte Menschen wollen wissen, was läuft in dieser Welt. Ich behaupte sogar, sie wollen nicht nur wissen, sie wollen auch verstehen. Wer etwas über die Welt wissen und etwas von der Welt verstehen will, der braucht Informationen. Informationen, welche die eigene Alltagserfahrung und die eigene Timeline in sozialen Medien ergänzen.

 

Recherche: Ein Beispiel

Es gibt keine Lohnerhöhung in diesem Jahr. Das haben Sie soeben erfahren, durch eine interne Notiz der Geschäftsleitung vielleicht oder einfach durch den Blick auf Ihren Kontostand. Sie können sich nun natürlich einfach darüber aufregen. Können am Stammtisch über den unfähigen Geschäftsführer fluchen oder sogar wütend und kurz entschlossen einen neuen Job suchen. Aber vielleicht wollen Sie ja zuerst einmal wissen, was hinter dieser Tatsache genau steckt?

 

Um zu verstehen, weshalb Ihre Arbeit nicht besser bezahlt wird, lesen Sie zum Beispiel den Geschäftsbericht Ihrer Firma. Dort werden Umsatzrückgänge oder stagnierende Gewinne ausgewiesen. Wenn Sie noch mehr verstehen wollen, dann brauchen Sie Informationen über die gesamte Branche. Gibt es ein strukturelles Problem oder hat nur das Management Ihrer eigenen Firma versagt? Wenn Ihnen dieses Wissen noch nicht ausreicht, dann suchen Sie Informationen über die wirtschaftliche Lage in Ihrem Land oder auf Ihrem Kontinent.

 

Mit allen diesen Informationen finden Sie nun vielleicht heraus, dass die ausgebliebene Lohnerhöhung zum Beispiel mit dem Wechselkurs Ihrer Landeswährung zu tun hat, welche wiederum die Margen Ihrer Branche schmälert, was bei Ihrer Firma mit diesem spezifischen Produkteportfolio besonders gravierende Auswirkungen hat. Sie verstehen jetzt vielleicht, weshalb Sie nicht mehr Lohn erhalten. Sie haben ein Bild der Gesamtlage, welches über Ihre eigene Alltagserfahrung hinausgeht. Sie sind zwar immer noch enttäuscht, vielleicht wütend. Aber Sie wissen, dass nicht der Geschäftsführer allein daran Schuld trägt.

 

Natürlich hätten Sie dieses Wissen auch in persönlichen Gesprächen sammeln können. Mit den Kollegen im Büro diskutieren. Sie hätten aber bald gemerkt, dass die Kollegen auch nicht viel mehr wissen als Sie. Vielleicht hätten die Kollegen Sie sogar nur in Ihrem Glauben bestärkt, dass wohl der Geschäftsführer an allem Schuld sei. Dann hätten Sie vielleicht noch einen Vorgesetzten gefragt. Und der hätte etwas ganz anderes erzählt als die Kollegen. Um zu wissen, wer wohl Recht hat, hätten Sie weitere Vorgesetzte aus anderen Abteilungen fragen müssen. Sie hätten viele Gespräche geführt und am Schluss zur Verifizierung aller Zahlen, die man Ihnen in diesen Gesprächen um die Ohren geschlagen hat, dann doch noch den Geschäftsbericht lesen müssen.

 

Journalisten arbeiten für Sie

Es leuchtet wohl jedem ein, dass diese Recherchen aufwändig, ja sogar etwas mühsam sind. Trotz Google und Co., trotz persönlichen Kontakten in der Firma, trotz oder gerade wegen der vielen verfügbaren Quellen wird man schnell ein paar Stunden aufwenden müssen, um die eigene Lohnabrechnung in einem grösseren Zusammenhang verstehen zu können.

 

Genau das ist die Arbeit von Journalisten. Sie recherchieren, konsultieren verschiedene Quellen, befragen verschiedene involvierte Personen, vergleichen die erhaltenen Informationen und setzen sie in einen Zusammenhang. Sie setzen die einzelnen Puzzlestücke an Informationen zu einem Gesamtbild zusammen. Sie sortieren die Flut der einzelnen Informationsstücke, verbinden die richtigen und wichtigen Aussagen miteinander, schaffen Verständnis für das grosse Ganze.

 

Das kann Facebook nicht, das kann Google nicht (zumindest auch nicht ohne Hilfe von Journalisten und Medienhäusern, welche die Inhalte für diese Plattformen ja häufig erstellen). Das kann kein RSS-Feed, das kann kaum ein nebenamtlicher Blogger. Informationen sammeln, bewerten, verständlich zusammenfügen: Das ist harte Arbeit. Arbeit muss bezahlt sein - das wissen wir alle, die wir ja eben auch unsere Lohnabrechnung konsultieren.

 

Ausgiebige Recherche und nachvollziehbare Einordnung, das sind wichtige Merkmale von «Qualitätsjournalismus». Das kostet Aufwand, also Geld. Deshalb sollte Journalismus dem interessierten Publikum etwas wert sein.

 

Journalisten arbeiten gegen Ihre Filterblase

Die wirtschaftliche Situation des eigenen Unternehmens, die Hintergründe der eigenen Lohnabrechnung: Schon dieses Puzzle ist ziemlich komplex. Die Chance, dass die meisten Mitarbeitenden einfach mal wütend sind auf das Management, wenn es nicht mehr Lohn gibt, die ist deshalb gross. Wir verstehen nicht alles, bilden uns aber trotzdem sehr schnell eine Meinung. Weil wir den Geschäftsführer aus Prinzip nicht mögen. Weil das unser Weltbild ist. Das ist normal.

 

Wenn es um regionale, nationale oder sogar internationale Politik geht, wird das Puzzle noch viel komplexer. Das Risiko, dass wir aus Bequemlichkeit nicht zuerst Fakten suchen, sondern uns gleich eine Meinung bilden, ist umso grösser. Die Algorithmen von Facebook oder Google helfen uns dabei: Sie liefern uns die Puzzlestücke an Informationen, die in unser bestehendes Weltbild passen. Diese Filterblase wird aktuell oft diskutiert, ich führe das deshalb nicht weiter aus.

 

Auch dagegen hilft aber guter Journalismus. Denn er macht nicht Halt vor Puzzlestücken, die das eigene Bild in Frage stellen oder sogar zerstören. Es ist seine Aufgabe, möglichst viele Puzzlestücke zu einem möglichst grossen und klaren Bild zusammen zu setzen. Das ist nicht nur teuer, sondern erst noch unbequem. Kein Wunder, dass manche Leute ganz bewusst auf solchen Journalismus verzichten wollen, gewisse politische Kreise ihn sogar bekämpfen.

 

Das Puzzle «Mediensystem»

Fazit: Wenn Sie wirklich etwas wissen und verstehen wollen, dann brauchen Sie die Hilfe von guten Journalisten. Sie sorgen dafür, dass möglichst viele Puzzleteile mit Informationen gefunden werden, um damit das Puzzleteil der eigenen Alltagserfahrung mit Wissen aus anderen Bereichen ergänzen zu können. Sie sorgen aber auch dafür, dass die unzähligen auf uns einprasselnden Puzzleteile an Informationen aus der ganzen Welt sortiert und zu einem verständliche(re)n Bild zusammengefügt werden. Das alles kostet Geld, das sollte uns deshalb eine Abonnementsrechnung und eine Mediengebühr wert sein.

 

Auf der anderen Seite aber müssen Journalisten und Verlage auch dafür sorgen, dass sie ihr Geld wirklich wert sind. Nur wenn Journalisten sich wirklich verpflichtet fühlen, möglichst viele Puzzleteile zu suchen und zu verbinden, nur dann bleibt der Journalismus selber ein wichtiges Puzzleteil in unserer demokratischen Gesellschaft. Gesicherte Fakten, transparente Quellenangaben, faire Berücksichtigung der besten Argumente von allen Seiten, nachvollziehbare und belegbare Analysen, kurz: sorgfältiges Handwerk ist gefragt.

 

Ich bleibe beim Vergleich: Auch das Mediensystem selber ist ein Puzzle. Eines aus drei Teilen: Seriöse Journalisten, ein an Verständnis für Zusammenhänge interessiertes Publikum und ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen bedingen sich gegenseitig. Das Puzzle zerfällt, wenn ein Teil davon fehlt.

 


Disclaimer: Der Autor ist (unverkennbar) selber Journalist und arbeitet als Redaktionsleiter bei Radio SRF. Damit ist er selber für seine Arbeit auf die Einnahmen einer Mediengebühr angewiesen.

Der Autor äussert seine persönliche Meinung und nicht die Haltung des Arbeitgebers.

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